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Zwischen Kunst, Wirtschaft & Community – Ein Bericht von der TEFAF Maastricht 2026
01.04.2026
Autorin: Ratna Sophia Metzler*
Unter dem Titel „Beyond Economic Impact: Rethinking Culture
in Public Policy“ rief der diesjährige TEFAF Summit dazu auf, Kultur nicht
nur als wirtschaftlichen Faktor zu betrachten. Kultur, so die Gastgeber*innen, sei
eine transformative Kraft für Gesellschaft, Gesundheit und Wohlbefinden. Ein
Bericht über ausgewählte Themen des Tages.
©
Ratna Sophia Metzler
Auftakt – Kultur als Kooperation:
Der Summit eröffnete mit einer
Aussage, die den Ton für den gesamten Tag setzte: „Investing in culture means investing in cooperation.“ Will Korner,
Head of Fairs bei TEFAF, begrüßte die Teilnehmenden gemeinsam mit Pina
Picierno, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Sylvie Gleises, CEO
Singapore bei AXA XL, einem Industrieversicherer, sowie Kathleen Ferrier,
Vorsitzende der Netherlands Commission for UNESCO.
Das zentrale Argument war ebenso
einfach wie ambitioniert: Kunst sei einer der größten menschlichen Verbinder.
Wenn Zeit, Geld und Energie in die Gestaltung gemeinsamer Werte, Normen und
Verhaltensweisen investiert werden, also in Kultur, wird es für Menschen
leichter, konstruktiv zusammenzuarbeiten. Das Investieren in Kultur bedeute,
den Zusammenhalt von Menschen zu schützen.
Panel 1: Wirtschaftliche Wirkung
und darüber hinaus:
Das erste Panel untersuchte, wie
Kultur in mehreren Dimensionen zur Gesellschaft beiträgt: direkt als
wirtschaftlicher Motor und indirekt als Katalysator für breitere
gesellschaftliche Vorteile.
Auf wirtschaftlicher Seite
identifizierten die Podiumsgäste vier primäre Kanäle, über die Kultur messbaren
Wert erzeugt: Beschäftigung im Rahmen von kulturellen Aktivitäten selbst,
Einnahmen durch Ausstellungen und Veranstaltungen sowie operative Ausgaben, die
Kulturinstitutionen erfordern. Indirekt habe Kultur aber wertvolle
Effekte, die darüber hinausgehen: kreatives Denken zum Beispiel beeinflusse Technologie,
Design und Unternehmensinnovation. Kulturprojekte würden Städte und Regionen
revitalisieren und Kooperationen zwischen Kultur und Wirtschaft können neue
Ideen und Branchen erzeugen.
Ein anschauliches Beispiel war der Brabant C Fund, ein öffentlich-privates
Finanzierungsinstrument der niederländischen Provinz Noord-Brabant, das Kunst-
und Kulturprojekte finanziere. Anders als klassische Förderprogramme agiere der
Fonds eher wie ein Investor und kombiniere Zuschüsse mit Darlehen. Der Fokus
liege auf Projekten, die innovativ sind, gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen
und sich mittelfristig finanziell selbst tragen können.
Gleichzeitig wurde betont, dass
Kultur durch gemeinsame Erfahrungen den sozialen Zusammenhalt und Gemeinschaften
stärke. Kultur forme nationale und regionale Identität und kulturelle Teilhabe
verbessere Lebensqualität. Daher dürfe sich die Bewertung von kulturellen
Projekten nicht in Zahlen erschöpfen. Im Gegenteil sei ein holistischer Ansatz
erforderlich, der den wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Wert von
Kultur vereine.
Panelist*innen: Adriano Picinati di
Torcello, Global Art & Finance Coordinator, Deloitte (Moderator); Stephan
Satijn, Regionalminister für Wirtschaft, Finanzen und öffentliche
Angelegenheiten, Provinz Limburg; Victoria Simonsz-van Krieken, Managing
Director, Brabant C Fund; Martin Müller, Senior Scientific Advisor, AEA
Consulting.
Panel 2: Kunst & Kultur als
Treiber menschlicher Entwicklung:
Das zweite Panel legte den Fokus
auf die Bedeutung, welche Kultur für das kollektive Erinnerungsvermögen und das
Zugehörigkeitsgefühl von Menschen und Gesellschaften habe.
Mit Bezug auf Kathleen Ferrier
(Vorsitzende, Netherlands Commission for UNESCO) startete das Panel mit einer
klaren Botschaft: Kultur ist nichts, das außerhalb von uns existiert. Kultur sei
die Art und Weise, wie Menschen leben, denken und sich ausdrücken. Alles, was
Menschen erschaffen und teilen, sei es Sprache, Kunst, Überzeugungen oder Gewohnheiten,
spiegelt das wider, was uns menschlich macht. Kultur verbindet Individuen mit
der Gesellschaft, ermöglicht gegenseitiges Verstehen und Zugehörigkeit und gibt
Wissen von Generation zu Generation weiter.
Diese Herangehensweise wurde am
Beispiel des OSCAM Amsterdam (Open Space Contemporary Art Museum) illustriert, vorgestellt von
Gründungsdirektorin Marian Duff. Das OSCAM versteht sich als offener,
inklusiver Kulturraum, der Kunst für unterschiedliche, insbesondere unterrepräsentierte
Gesellschaftsgruppen zugänglich macht. Das Museum verkörpere den Ansatz von
Duff, dass „Kultur“ oder „Kunst“ nichts Neues sei und nicht erst an
Museumswänden oder durch Trends und Kunstmessen entstehe. Kunst entwickle sich
kontinuierlich innerhalb von Gemeinschaften und jede Gemeinschaft habe bereits
ihre eigene Kunst. Wenn ein Verständnis dafür geschaffen wird, könne Kultur zur
aktiven Teilnahme und Weiterentwicklung motivieren.
Um den Einfluss von Kunst auf
Mensch & Gesellschaft systematisch zu analysieren, stellte im Anschluss Associate
Professor Joost Vervoort (Universität Utrecht) das „Nine Dimensions Framework“ vor. Dieser Bewertungsrahmen wurde durch
Forschung und Dialog mit Künstler*innen und Wissenschaftler*innen entwickelt,
um zu beschreiben, wie kreative Praxis zu Veränderungen in der realen Welt
beiträgt. Das Framework gliedert kreative Wirkung in drei übergeordnete
Kategorien:
-
Bedeutungen
verändern (Changing Meanings):
wie kreative Praxis verändert, wie Menschen die Welt verstehen und wahrnehmen:
durch Verkörpern (Embodying), Lernen (Learning) und Hineinversetzen
(Imagining).
-
Verbindungen
verändern (Changing Connections):
wie kreative Praxis Beziehungen und soziale Bindungen umgestaltet: durch
Fürsorge (Caring), Organisieren (Organising) und Inspirieren (Inspiring).
-
Machtverhältnisse
verändern (Changing Powers):
wie kreative Praxis mit sozialen Strukturen und Einfluss interagiert: durch
gemeinsames Gestalten (Co-creating), Ermächtigen (Empowering) und Unterlaufen
bestehender Systeme (Subverting).
Das Framework versucht damit, in
sehr konkreten Herangehensweisen über reine Besuchszahlen und Output-Messungen
hinauszugehen und soll Künstlerinnen und Künstlern, sowie Förderern und
Politikerinnen eine gemeinsame Sprache für die Diskussion kultureller und
gesellschaftlicher Wirkung bieten. Laut Vervoort verbinde es individuelle
kreative Ausdruckskraft mit breiter gesellschaftlicher Transformation.
Professor John Johnston (UNESCO
Chair in Issues-Based Arts Education) erweiterte diesen Ansatz in den Bereich
der Friedensförderung und Konfliktprävention. In Post-Konflikt-Situationen
verlieren Menschen oft den Sinn für eine Zukunft. Kunst, so sein Argument, kann
helfen, Vorstellungskraft und Hoffnung neu zu entfachen. Bildung und Kunst sollten
daher die spezifischen Lebensumstände und Stimmen unterschiedlicher
Gesellschaftsgruppen widerspiegeln, denen sie dienen und nicht von außen
aufgezwungene Narrative.
Das Panel schloss mit dem Fazit ab,
dass Kultur dazu beitrage, Dialoge zu fördern und sozialen Zusammenhalt
aufzubauen. Dafür bedürfe es aber mehr Kooperationen zwischen Kultur, Nachhaltigkeit,
Gesundheit und Bildung sowie eine stärkere politische Interessenvertretung, die
alternative Messgrößen und Community-Engagement berücksichtigt.
Panelist*innen: Hildegard Schneider, Member Netherlands
Commission for UNESCO / MACCH (Moderatorin); Christianne Mattijssen, Director
of Heritage and Arts, Niederländisches Ministerium für Bildung & Kultur; Marian
Duff, Founding Director, OSCAM; John Johnston, Professor of Issues Based Arts
Education. ArtEZ & UNESCO Chairholder in Issues Based Arts Education; Joost
Vervoort, Associate Professor of Transformative Imagination, Utrecht University.
Panels 3 & 4: Gesundheit,
Wohlbefinden und das kulturelle Ökosystem:
Zwei
weitere Panels rundeten den Summit ab, deren Themen hervorzuheben sind.
Das
dritte Panel„Culture's Role
for Health and Well-being“ eröffnete mit einem Einführungsvortrag von
Prof. Daisy Fancourt, Professorin für Psychobiologie & Epidemiologie und
Autorin von Art Cure. Die Session erkundete, wie kreative Praktiken zu
psychischer Gesundheit, therapeutischen Prozessen, Genesung und Rehabilitation
beitragen, und lud zu einem erweiterten Verständnis kulturellen Wertes ein, das
die tiefgreifenden menschlichen und sozialen Dimensionen der Künste anerkennt.
Weitere Sprecherinnen waren Dr. Mag. Blanca Spee (Senior Researcher, Radboud
University Medical Center), Delphine Houba (Präsidentin, The Brussels Museums)
und Cathelijne Denekamp (Managerin für Barrierefreiheit und Inklusion,
Rijksmuseum), moderiert von Thomas Marks (Partner, Marks|Calil).
Zu guter
Letzt untersuchte als konstruktiven Ausblick das vierte Panel „Reframing Cultural Investment: Towards a
Social Cultural Ecosystem“, warum Botschaften über den sozialen,
wirtschaftlichen und menschlichen Wert von Kultur Entscheidungsträger oft nicht
erreichen, und welche neuen Strategien helfen könnten. Die Diskussion
hinterfragte die Tendenz, Kunst auf wirtschaftliche Kennzahlen zu reduzieren,
und bot Wege an, Förderdiskussionen zu entpolarisieren und Kultur in
übergeordnete politische Ziele zu integrieren. Sprecherinnen und Sprecher waren
Dewi van de Weerd (Botschafterin für Internationale Kulturzusammenarbeit,
Niederländisches Außenministerium), Jan Jaap Knol (Geschäftsführer, Boekmanstichting)
und Bernard Hay (Head of Policy, Creative Industries Policy and Evidence
Centre) – ebenfalls moderiert von Thomas Marks.
© Raoul Dufy, Le Cours de la Seine, Studie für das Palais de
Chaillot (1936-37), Galerie David Lévy. Diese vorbereitende Studie in Gouache, welche sich im Musée des Beaux
Arts de Rouen befindet, wurde auf der Messe zum ersten Mal der Öffentlichkeit
präsentiert. (Foto: Ratna Sophia
Metzler)